Kungajewa und Markelow – über zwei Morde in Russland
07.08.2010 – 11:54Heute bin ich auf eine erschreckende und spannende Geschichte gestoßen. Ich habe davon auch schon vorher gehört, aber eher am Rande. Mann hört ja immer wieder von Morden in Russland, oft politisch, meist ungeklärt. Diese Geschichte handelt von 2 Morden, die aufgeklärt wurden. Auch wenn es den Opfern und deren Angehörigen nicht hilft. Und auch wenn beide Gerichtsentscheidungen einen komischen Beigeschmack hinterlassen.
Mord an 18-jährigen Tschetschenin Elsa Kungajewa
Der erste Teil der Geschichte begann während des 2. Tschetschenien-Kriegs am 26. März 2000. Der russische Offizier der in Tschetschenien stationierten Truppen, Juri Budanow feierte am Abend mit einem anderen Offizier, Fedorov, die Geburt seiner Tochter. Budanow war angetrunken und befahl dem Leutnant Barejew Feuer auf ein allein stehendes Haus zu öffnen. Fedorov sagte später aus, das Haus wäre unbewohnt gewesen und dort wurden tschetschenische Separatisten gesichtet. Barejew weigerte sich auf das Haus zu schießen und wurde dafür von den beiden Offizieren zusammengeschlagen und in eine Grube geschmissen, wo er bis zum Morgen blieb.
Um ca. 1 Uhr nachts am 27. März stürmte Budanow mit zwei Soldaten in das Haus der Familie Kungajew im Ort Tangi, wo 18-jährige Elsa Kungajewa und ihre 4 minderjährige Geschwister sich befanden. Budanow nahm Elsa angeblich für einen Verhör mit in das Gebäude, in dem er stationiert war. Dort misshandelte er sie und würgte sie später ein. Dann befahl er sie heimlich zu beerdigen.
Budanows Selbstanzeige
Eine Geschichte wie wahrscheinlich Dutzende in diesem Krieg, nur mit einem Unterschied. Elsas Familie traute sich Budanow wegen Mord anzuklagen. Bis dahin ungehört: die Tschetschenen verklagen einen russischen Offizier!
Zuerst stand noch die Anklage wegen Vergewaltigung, sie wurde jedoch später aufgehoben. Auch wenn die medizinische Untersuchung zeigte, dass Kungajewa eine Stunde vor Ihrem Tod die Unschuld verlor, ließ die Staatsanwaltschaft die Anklage fallen. Gefreiter Jegorow hat angegeben, den Leichnam von Kungajewa mit der Halterung eines Spatens misshandelt zu haben.
Um 13 Uhr am 27. März 2003 stellte sich und machte eine Selbstanzeige (automatische Übersetzung folgt):
Dem Militärstaatsanwalt des Nordkaukasischen Militärbezirkes.
Die Selbstanzeige.Ich will, Budanow Jurij Dmitrijewitsch, in vollzogen offenherzig bereuen und, das Folgende mitzuteilen:am 26. März 2000 um 23.50 habe ich die Mannschaft des Schützenpanzers herbeigerufen und hat ihnen befohlen, zusammen mit mir in Tangi Tschu zu fahren… Im Haus befanden sich zwei Mädchen und zwei Teenager-Burschen. Auf die Frage, wo die Eltern, das ältere Mädchen geantwortet hat, was nicht weiß.Dann habe ich befohlen, in die Decke das ältere Mädchen umzukehren und, in den Wagen zu bringen.Dann haben sie in die Anordnung des Regiments angefahren. Dem Untergebenen hat befohlen, sich in der Straße zu befinden. Mir war es bekannt, dass ihre Mutter eine Scharfschützin ist. Zu zweit geblieben, habe ich sie gefragt, wo sich ihre Mutter befindet. Sie hat begonnen, zu schreien, gebissen zu werden und ausgerissen zu werden. Ich müsste die Kraft verwenden. Es hat der Kampf begonnen, in deren Ergebnis ich auf ihr die Jacke und den Büstenhalter zerrisen habe. Ich habe gesagt, dass sie sich zu beruhigen hat. Aber sie setzte fort zu schreien und, ausgerissen zu werden, dann müsste ich sie auf ein Bock-Brett niederwerfen und begann sie zu erwürgen.Ich erwürgte sie an der Kehle… Ich nahm von ihr den Unteren Teil der Kleidung nicht ab. . Ich habe die Mannschaft herbeigerufen, habe befohlen, sie in die Decke einzuwickeln, in einen Wald auszuführen und zu begraben. Die Mannschaft hat alles gemacht. Dem Protokoll der Selbstanzeige füge ich das Schema bei… Ich wollte den Sitz ihrer Eltern einfach aufklären.
28.03.2000. Budanow.
Eine lächerliche Erklärung, nur irgendwie kann ich dabei nicht so gut lachen. Budanow ist verheiratet und hat zwei Kinder. Schlimmer noch, am 31. Dezember 2002 hat das Nordkaukasische Kreismilitärgericht Budanow unzurechnungsfähig anerkannt und hat ihn von der strafrechtlichen Verantwortlichkeit befreit.
Budanows Kriegsverbrechen verurteilt
Doch 2003 hob das Militärkollegium des Obergerichtes der Russischen Föderation diesen Urteil auf. Am 25. Juli 2003 wurde Budanow nach drei Artikeln des Strafgesetzbuches der Russischen Föderation — Art. 286 Paragraph 3 («die Überschreitung der dienstlichen Vollmachten»), Art. 126 Paragraph («der Diebstahl des Menschen») und Art. 105 Paragraph2 («der absichtliche Mord bei den erschwerenden Umständen”) schuldig gesprochen. Wie gesagt, die Anklage wegen der Vergewaltigung wurde fallen gelassen.
Juri Budanow war somit der erste russische Offizier, der wegen eines Verbrechens im Tschetschenienkrieg vor Gericht stand und verurteilt wurde. Er bekam eine Freiheitsstrafe von 10 Jahren, wurde aber bereits nach 5 Jahren begnadigt und kam am 15. Januar 2009 aus der Haft. Und hier fängt die 2. Geschichte an.
Mord am Jurist Markelow
Im 2. Teil der Geschichte geht es auch um einen Mord, diesmal in Moskau, tagsüber. Das Opfer: Jurist Stanislaw Markelow. Vier Tage nach der Entlassung Budanows, am 19. Januar 2009 kündigte Markelow, der Anwalt Kungajews, in einer Pressekonferenz, gegen die Haftentlassung Beschwerde einzulegen. Stanislaw Markelow starb durch einen Kopfschuss, den ein Unbekannter auf offener Strasse auf den prominenten Menschenrechtsanwalt abgefeuert hatte. Die ihn begleitende Anastasja Baburowa, Journalistin der Zeitung “Nowaja Gazeta”, der auch Anna Politkowskaja angehörte, wurde ebenfalls ermordet, als sie versuchte einzuschreiten.
Die Suche nach dem Mörder von WDR
Die Suche nach dem Mörder begann, angetrieben von westlichen Politikern. Was sich in Verbindung mit der ersten Geschichte simpel wie 1+1 anhört, ist komplizierter, als zunächst erscheint. Denn Stanislaw Markelow hatte viele Feinde. Die Journalisten Ina Ruck und Stephan Stuchlik gingen allen Spuren nach in ihrer 30-minütiger WDR Reportage und stellten folgendes fest: Rechtsradikale, Tschetschenen, korrupte Provinzpolitiker und rechtsnationale Offiziere und Veteranen des Tschetschenienkrieges – sie alle haben ein Motiv, den mutigen Stanislaw Markelow zu ermorden. Eine Spur führt nach Wien, eine andere nach Tschetschenien, andere in die tiefe russische Provinz. Der Beitrag ist höchst interessant.
[Das Video wurde auf Anfrage von WDR entfernt]
Am 5. November 2009 vermeldete die russische Zeitung Kommersant unter Berufung auf Sicherheitskräfte die Festnahme zweier Tatverdächtiger. Es handle sich um einen jungen Mann und eine junge Frau, die einer nationalistischen Bewegung angehörten. Der 24-jährige Verdächtige gestand die Tat wenig später: Laut seinem Anwalt hat der Mann Markelow aus persönlichen Gründen getötet; die Tat stehe in keinem Zusammenhang mit der beruflichen Tätigkeit des Opfers.






