17.01.2010 – 20:51
Keine Umfragen und keine Meinungsforschungsstudien zeigen so deutlich, woran eine Nation interessiert ist, wie die Suchvorschläge von Google Suggest. Warum ist das so?
Google, mein intimer Ratgeber. Pieker oder Wühler?
Mit Google ist Max Mustermann immer allein. Es ist kein Dritter da, der Max beobachtet, der Max kritisch anguckt oder ihn auslacht. Mit Google kann Max alle Tabus brechen und so sein wie er ist. Er kann alles fragen, was er sich sonst nicht traut, was er niemanden sonst fragen würde. Max denkt nicht daran, dass Google mehr über ihn weiß, als er selbst.

Ein typisches Beispiel: ein Mann will seine Frau beim Oralsex befriedigen. Weiß aber nicht, wie das geht. Was macht er? Er redet nicht mit seiner Frau darüber. Nein, er googelt danach. Wie führt man eine Frau zum “klitoralen Organsmus”? Genau, Organsmus.
Google, mein Meinungsforschungsinstitut. Schwul oder Jude?
Woran ist die Menschheit interessiert? Welche dreckigen Gedanken verfolgen die Nation?
Ein halbes Jahr vor der WM interessiert uns nicht die Kondition der Nationalmannschaft. Uns interessiert, ob der Bundestrainer schwul ist. Und sein Assistent auch. Der erste Vorschlag, der kommt, wenn man bei Google “Jogi Löw” oder “Hansi Flick” eingibt, ist entsprechend “jogi löw schwul” und “hansi flick schwul”.

Na klar, ist es für einen durchschnittlichen Fussballfan verdächtig, dass ein Fussballtrainer gepflegtes Aussehen hat, man ist immer noch überrascht, wenn der Trainer keinen Trainingsanzug trägt. Wurden die Trainingsanzüge eigentlich nicht nach Fussballtrainern benannt?
Die Deutschen scheinen sich eh besonders für die sexuelle Orientierung der Promis zu interessieren. Auch beim George Clooney kommt ein “george clooney schwul” als erster Vorschlag.

Aber Google deckt alles auf, nicht nur die Vorlieben der deutschen User. Zum Beispiel in Russland interessieren sich alle dafür, ob jemand Jude ist. Dabei wird in Russland (anders als in Europa) unter Jude nicht die Glaubensrichtung, sondern die Nationalität verstanden. Aber das ist eine lange Geschichte, die mit der politischen und kulturellen Entwicklung Russlands zusammenhängt. Jedenfalls kommt in Google bei der Eingabe von “Medwedew” sofort “medwedew jude”.

Auch bei Putin wird diese Frage gestellt, jedoch ist es bei ihm scheinbar nicht so eindeutig, denn in seinem Fall interessiert sich das Volk mehr für seine Biographie und für seine angebliche Affäre mit der Turn-Olympiasiegerin Alina Kabaeva. Erst an dritter Stelle kommt der Vorschlag “putin jude”. Auch bei anderen Politikern ist die Frage nach Judentum für die Russen nicht unwesentlich. Sie stellen sie auch bei Angela Merkel und Barack Obama.
Google, meine Umsatzquelle. Sprüche oder Grüße?
Spaß beiseite. Jetzt kommen wir zur Frage, welche monetäre Auswirkungen Google Suggest haben kann. Denn: nicht nur die Nutzeranfragen beeinflussen die Vorschläge von Google Suggest, sondern auch andersrum: Googles Vorschläge machen sich beim Suchverhalten der Nutzer bemerkbar, und zwar ziemlich stark.
Im Jahr 2009 kam der Google-Vorschlag “Fahrplanauskunft” zur Eingabe “Fahrplan”. Und auf einmal suchten alle nach dieser Auskunft, wie Google Trends deutlich zeigt. Das Suchvolumen hat sich mehr als verdoppelt.

Ein Beispiel. Ein Unternehmen N optimiert ganz lange und mit großen Ausgaben auf ein generisches Keyword, nennen wir es mal XYZ. XYZ sei ein Keyword mit einem großen Suchvolumen und einer guten Konvertierung in Verkäufe. N befindet sich auf der 1. Position in Google.de bei der Suche nach XYZ. Auf einmal führt Google einen Vorschlag ein, der bei der Eingabe von XYZ erscheint. Zum Beispiel XYZsvergleich. Die Nutzer freuen sich über den Tipp und gehen ihm nach. Die Suchergebnisliste zum Keyword XYZsvergleich ist natürlich eine andere und das Unternehmen N ist dort nicht mal unter den Top 10. Zack, ein Umsatzeinbruch und neuer SEO-Aufwand, um zum Keyword XYZsvergleich höher zu ranken.
Google beeinflusst damit
- das Handeln des Internetnutzers, indem sein Suchverhalten oder sogar seine ursprüngliche Intention geändert wird
- das Handeln der Unternehmen, indem sie Ihre Keywords, ihre SEO-Strategie und ggf ihre Werbeslogans und Verkaufskonzepte ändern müssen. Im Falle vom Unternehmen N würde es sich evtl lohnen eine Fake-Produktvergleichssite für XYZ zu bauen.
Eine Seite, die vorher Geburtstagsgrüße (rote Linie) angeboten hat, sollte schnellstmöglichst auf Geburtstagssprüche (blaue Linie) umsteigen, sonst entgeht ihr einiges an Traffic.

Manche Websites profitieren von Google Suggest, ohne in SEO zu investieren. Durch große Bekanntheit einiger Brands, werden sie häufig in die Suche eingegeben und kommen so bei Google Suggest rein. Google seinerseits animiert die Nutzer zur häufigerer Eingabe des Brandnamens bei der Suche. Bei “Immobilien” sieht man ganz deutlich, wann Google Suggest von zuerst immobilienscout (rot) als erster Vorschlag einschaltete und dann später auf immobilienscout24 umswitchte.

UPDATE (17.02.2010):
Seopunk hat einen äußerst hilfreichen Artikel geschrieben, wie man Suggests in Google Analytics erkennen kann, ob der User über Google Suggest kommt, welche Zeichenfolge er eingegeben hat und auf welcher Position das gewählte Keyword in Google Suggest stand. Genau das, was man als Webmaster braucht! Dann noch Alerts einrichten, wenn mehr/weniger über bestimmte Zeichenfolgen kommt und man hat ein Monitoring.
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